Wie halten Wölfe im Rudel zusammen?

Wenn man Wölfe in freier Wildbahn beobachtet, hat man den Eindruck, dass es sich um eine eingeschworene Gemeinschaft handelt, die funktioniert, ohne dass viele „Worte“ gewechselt werden müssen. Die Tiere laufen, jagen, spielen oder schlafen gemeinsam – scheinbar ohne eine strenge Führung. Wie treffen die Wölfe aber die vielen Entscheidungen im Rudel, die notwendig sind, um es zusammenzuhalten und zu jagen? Folgen sie alle einem Rudelführer, dem „Leitwolf’, der allein bestimmt?

Es scheint so. Im Mittelpunkt aller Aktivitäten steht der Alpha-Rüde. Nach ihm richten sich die anderen Tiere, wenn es darum geht, welche Richtung sie bei der Wanderung ein-schlagen, wie schnell sie laufen, welchem Beutetier sie nachjagen oder wo sie Rast machen sollen. Er entscheidet, wie lange sie mit den Jungen in ihrem Versteck spielen können und wann sie abends alle wieder aufbrechen sollen.

Kein anderes Tier im Rudel ist aber auch so darum bemüht, alle zusammenzuhalten, wie gerade der Alpha-Rüde. Er ist derjenige, der auf Nachzügler wartet und womöglich zum schnelleren Weiterlaufen antreibt, der zwischen zwei auseinander strebenden Gruppen hin- und herrennt, um alle wieder zusammenzuführen oder der aufpasst, dass sich keiner in eine gefährliche Lage begibt. Vor allem aber ist er es, der mit jedem im Rudel ständigen Kontakt hält, der besonders häufig an den anderen vorbeiläuft und sie kurz mit der Schnauze ins Fell stupst. Zu keinem Tier im Rudel gibt so viele Kontakte wie zu ihm, keiner aber stellt auch selbst so viele Kontakte her.

Auch die anderen älteren Wölfe übernehmen wichtige Führungsaufgaben. Vor allem das Alpha-Weibchen ist, neben dem Alpha-Rüden, um Zusammenhalt bemüht. Häufig laufen die beiden Ranghöchsten zusammen.

So bilden sie eine „Führungsgruppe“, die noch mehr Gewicht hat. Trotzdem kann es Vorkommen, dass die meisten anderen Tiere plötzlich eine andere Richtung einschlagen als die beiden Alpha-Tiere. Dann aber drehen diese beiden um und rennen den anderen hinterher.

Auch die Jungwölfe sind aktiv um den Rudelzusammenhalt bemüht. Sie kümmern sich um die W’elpen, wenn die Alteren auf Jagd sind. Wenn die Welpen groß genug sind, um mit den anderen mitlaufen zu können, bleiben sie oft an ihrer Seite. Auch sie selbst halten sich möglichst in der Nähe der älteren Tiere auf und geben dabei dem Alpha-Rüden den Vorzug. Und wenn sie einmal allein losziehen, ist es der Alpha-Rüde, der sie sucht und zurückholt.

So sind die Führung und die Entscheidungsprozesse im Wolfsrudel so etwas wie eine gemeinsame Aufgabe aller Mitglieder – natürlich mit Ausnahme der Welpen. Den alles bestimmenden „Leitwolf1 gibt es nicht. Das Rudel funktioniert vielmehr wie ein Uhrwerk mit vielen kleinen, einigen größeren und einem ganz großen Rädchen, die alle eng miteinander verzahnt sind und nur dann zum Vorteil aller funktionieren, wenn keines diese Rädchen ausfällt.

Die wilden Hunde der Abruzzen
Welche Leistungen Wölfe beim Zusammenhalt des Rudels erbringen, zeigt ein Vergleich mit verwilderten Hunden in den Abruzzen, die dabei weniger erfolgreich sind, ln den Bergdörfern leben viele Hunde. Immer wieder zieht es einige von ihnen ins Gebirge, wo sie über Monate oder Jahre frei leben und völlig verwildern. Sie bilden Rudel von bis zu 15 Tieren, die sogar ausgewachsene Kühe und Pferde angreifen und töten. Da sie ”nur” Hunde sind, haben Weidetiere keine Angst vor ihnen und lassen sie bis auf wenige Meter an sich herankommen. Die Hunde treiben sie dann die steilen Hänge hinauf, so dass sich manch ein Tier ein Bein bricht und zur leichten Beute wird.
Da die Hunde auch noch Futter auf den Müllhalden der Dörfer finden, haben sie also genügend zu fressen. Dennoch ist es ihnen noch nie gelungen, eigene Welpen aufzuziehen. Solange die Welpen klein sind, werden sie von der Mutter und manchmal auch anderen Tieren im Rudel versorgt. Doch wenn sie anfangen, mit den Älteren mitzulaufen, gibt es kein Tier mehr, das auf sie aufpasst, sie mit der Gegend vertraut macht oder ihnen die Kniffe des Hundelebens in Freiheit beibringt. Sie verirren sich, streunen hilflos umher und sterben eines nach dem anderen. Zu groß, um noch von der Mutter versorgt zu werden, und zu klein, um für sich selbst zu sorgen, haben sie niemanden, der sie in dieser schwierigen Übergangszeit führt.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.