Die Kunst, nichts zu tun

Das Thema Wellness wird zwar erst seit einigen Jahren mit diesem Begriff bezeichnet, doch heißt dies natürlich nicht, dass Konzepte, die auf das menschliche Wohlbefinden abzielen, in früheren Jahrhunderten unbekannt gewesen wären. Die Idee, dass es eine Kunst ist, auch einmal nichts zu tun, ist relativ alt. Der englische Schriftsteller Laurence Stern, ein recht bekannter Künstler aus dem 18. Jahrhundert, sagte bereits: „Nirgends strapaziert sich der Mensch mehr als auf der Jagd nach Erholung.“

Wenn man ein wenig in sich geht und sich ansieht, wie man die letzten Tage und Wochen verbracht hat, so werden viele Menschen wahrscheinlich zu dem Schluss kommen, dass diese alte Aussage heute mehr denn je ihre Richtigkeit hat.

Wir haben Terminkalender, mit denen wir unsere Freizeitbeschäftigungen organisieren, und kaum ein Spiel, kaum ein Sport oder eine andere Zerstreuung lässt sich organisieren, ohne dass es dabei das eine oder andere Mal zu Stress kommen würde.

Sicherlich, der Stress ist eigentlich begründet in den Anforderungen des Alltags – wenn wir nichts anderes zu tun hätten, als für unsere Zerstreuung zu sorgen, so wäre unser Leben sicherlich sorglos und angenehm sowie wahrscheinlich auch stressfrei. Dies glauben wir zumindest.

In der Tat trifft Stern diese Aussage auch in Hinsicht auf die aristokratische Klasse im alten Europa, die ihre Wurzeln noch in der mittelalterlichen Feudalgesellschaft hatte und die daher mitunter durchaus keine finanziellen Ängste und auch keinen Überschuss an Arbeit kannte.

Was Taten diese privilegierten Menschen allerdings? Sie ruhten nicht etwa den ganzen Tag – auch wenn sie natürlich für die damalige Zeit ein erstaunliches Maß an Rücksicht auf sich selbst nahmen – sondern suchten sich verschiedene Beschäftigungen und Aufgaben, die am Ende doch wieder Stress bedeuteten.

Rufen sie sich bitte in Erinnerung, was Stress für positive Seiten hat, und sie werden dieses Verhalten vielleicht besser verstehen – Stress gibt uns nämlich auch das Gefühl, wertvoll und wichtig zu sein, und auch wenn man dies nicht sicher sagen kann, ist doch davon auszugehen, dass dies auch für unsere Vorfahren galt. Wer nichts zu tun hatte, wen niemand sehen wollte – wie konnte so jemand wichtig sein?

Es waren immer nur die Außenseiter der Gesellschaft, die sich auf diese Weise von allen Anforderungen (den positiven wie den negativen abwandten), und genau als solche wurden sie von den anderen Menschen natürlich auch gesehen.

Auch heute ist dies nicht unbedingt falsch – wer würde schon auf die Idee kommen, alle Verabredungen abzusagen, sich nur auf sich selbst zu besinnen und voller Muße auf der Couch oder in der Hängematte zu liegen?

Die wenigen Stunden, in denen man einmal dafür Zeit hat, verteilen sich eventuell auf viele Wochen, und man würde nur selten auf die Idee kommen, einfach dafür zu sorgen, dass man mehr von ihnen hat – weil eben doch schon die sozialen Verpflichtungen warten, weil man einen Sport oder ein Hobby ausübt oder aus anderen Gründen.

Und die ist nicht immer nur begründet in der Überzeugung, dass es die angenehmere Variante ist, von einer Verabredung zur anderen zu jagen – es ist gewissermaßen auch eine gesellschaftliche Notwendigkeit in unserem Spiel um Aufmerksamkeit und Ansehen.

Wer würde schon, wenn er nach dem Wochenende wieder seine Kollegen trifft, die so häufig gestellte Frage nach dem Wochenende selbstbewusst damit beantworten, dass er „Nichts“ getan hat?

Müßiggang behält man auch heute – in der Zeit von Wellness und Entspannung – lieber für sich, und wenn man sich schon Zeit zum Ausspannen nimmt, dann hat man sich diese doch bitte freigeschaufelt – weil es einfach mal sein „musste“.

Vielleicht müsste es ja schlicht und einfach öfter sein? Das würden wir aber kaum zugeben, weil wir Angst hätten, von unseren Bekannten und Freunden als „Langweiler“ verkannt zu werden.

Kanuten, Kraftsportler und Kartfahrer stehen ganz offen zu ihren Leidenschaften, denen sie am Wochenende nachgegangen sind – Couchpotatoes tun dies sicher nicht.

In der Vergangenheit hatte Müßiggang aber neben den Verpflichtungen, die man sich eventuell doch auf der Jagd nach Entspannung auflud, auch noch eine Menge positive Seiten, die sogar im gesellschaftlichen Ansehen Bestand hatten – Nichtstun war gewissermaßen auch ein Zeichen dafür, dass man es sich eben leisten konnte, nichts zu tun. Die feudalen Wurzeln der alten Gesellschaft vor der Französischen Revolution kannten durchaus eine Wertschätzung für die privilegierte Geburt, die ja meistens Voraussetzung dafür war, dass man es sich eventuell sogar schon in jungen Jahren leisten konnte, nichts zu tun. Beliebte und angesehen Archetypen des Müßiggängers waren der nicht nur literarische Typ des „Flaneurs“ oder des „Dandys“, die es bis ins letzte Detail verstanden, gepflegt nichts zu tun.

Es kommt vielleicht nicht von ungefähr, dass wir uns unbewusst wieder auf solche alten „Tugenden“ besinnen, die zwar ob ihrer gesellschaftlichen Wurzeln umbewertet werden müssen, die aber auf das menschliche Wohlbefinden dennoch eine wichtige und vor allem positive Auswirkung haben.