Dualismus

Fangen wir allerdings mit der Frühgeschichte der Idee an, die hinter dem Begriff steckt. Das zentrale Konzept der Wellness ist die Betrachtung der beiden Lebensaspekte Geist (oder Seele) und Körper, zwei Begriffe, die natürlich weitaus älter sind als die Idee Wellness.

Die Frage, was einen Mensch zu etwas Besonderem mache, ja, was unsere Spezies von den zwar körperlich verwandten, aber geistig doch deutlich verschiedenen Tieren abhebe, beschäftigt die Denker schon seit Jahrtausenden.

Betrachtet man Mensch und Tier, so wird man auf eine große Zahl von Gemeinsamkeiten stoßen: beide sind körperlich, haben bestimmte Bedürfnisse, die oft eng mit ihrem körperlichen Befinden verbunden sind, und sie kennen zweifelsohne gewisse Gefühle, die dafür sorgen sollen, dass man Zeit für die Befriedigung seiner Bedürfnisse aufwendet. Mensch und Tier haben Hunger, Durst und brauchen Luft zum Atmen; sie haben das Bedürfnis, sich fortzupflanzen und zu überleben, und sie sind zu bestimmten, für ihre Zwecke angemessenen geistigen Leistungen im Stande, die ihnen helfen können, die Herausforderungen ihres Lebens zu bewältigen.

Ein Wolf kann ein Schaf erkennen; er kann mit seinen Beinen schnell genug laufen, um es einzuholen, und er kennt bestimmte Taktiken, um es im Rudel zu jagen. Mit seinen Zähnen kann er es täten und sich von ihm ernähren. Ein Schaf kann Pflanzen erkennen, von denen es sich ernähren kann; es kann sich fortbewegen, um andere Pflanzen zu suchen. Es hat auch einen gewissen Sinn für Gefahren, um sich vor Wölfen zu schützen, und kennt den Herdenverband, der ein wirkungsvoller Schutz gegen Raubtiere ist.

Wenn man unvoreingenommen an diese beiden Tiere herangeht, könnte man auf die Idee kommen, dass sie eine geistige Leistung erbracht haben, um die Probleme in ihrem Leben zu lösen. Das Schaf hatte die Idee, sich mit anderen Tieren seiner Art zu versammeln, um sich für Angreifern zu schützen; der Wolf hingegen dachte sich dann aus, dass er ja einzelne Tiere von der Herde durch geschickte Annäherung trennen könnte, bis er diesen Schutz des Schafes umgehen könnte.

Dachte er sich das wirklich aus?

Natürlich nicht, werden sie sagen, das sind Instinkte. Dinge, für die Menschen eventuell eine geistige Leistung benötigen, tun Tiere per Instinkt – kein Wolf wird auf die Idee kommen, alleine die Mittagsruhe eines Schafs auszunutzen oder mit seinen Pfoten eine Lawine auszulösen, damit das Schaf von herunterstürzenden Steinen erschlagen wird. Wölfe jagen überall gleich, und es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie einfach überall auf der Welt die gleiche „Idee“ hatten.

Menschen hingegen lösen ihre Probleme auf sehr verschiedene Arten. In der Frühzeit gab es Sippen, die gewaltige Mammuts gejagt haben, indem sie sie in Löcher stürzen ließen; und es gab Menschen, die kleine Tiere mit Wurfgeschossen getötet haben. Auch der Einsatz von Pfeil und Bogen ist eine Möglichkeit, sein Überleben zu sichern und leichter zu machen, eine Möglichkeit allerdings, die nicht alle Menschen in allen Teilen der Welt immer genutzt haben.

Die Waffentechnik hat immer wieder Entwicklungssprünge gemacht und sich verbessert, und auch Werkzeuge wurden im Laufe der Geschichte immer besser. Wenn wir wie der Wolf und das Schaf einfach eine Reihe von instinktiv vorgegebenen Möglichkeiten hätten, wäre eine solche Veränderung wohl kaum eingetreten – evolutionär gesehen existiert der moderne Mensch nämlich überhaupt noch nicht lange genug, um solche Veränderungen mit den Genen und der Selektion begründen zu können.

Die Idee, dass es einen ganz entscheidenden Faktor gibt, der uns Menschen von den Tieren unterscheidet, ist also sehr nahe liegend. Wenn ein Wolf vor dem Problem steht, dass sein Lebensraum kälter wird und es nicht mehr genug Schafe gibt, um ihn zu ernähren, so kann er eventuell sein Jagdrevier erweitern, um in größerer Entfernung Nahrung zu finden – er wird aber kaum auf die Idee kommen, Schafe zu „züchten“, damit er sich von „seiner“ Herde ernähren kann. Menschen können dies durchaus und haben es im Lauf der Geschichte immer wieder getan, ohne dass es Grund zur Annahme gibt, dass die Viehzucht in „Instinkt“ des Menschen ist.

Man kann diesen entscheidenden Unterschied zwischen Mensch und Tier nun „Geist“ oder „Seele“ nennen – auch wenn man ihn nur schwer definieren kann ist er wohl kaum zu verleugnen.

Schon seit die ersten Menschen die Kultur und die Sprache entwickelt haben ist es sehr wahrscheinlich, dass sie diesen Unterschied zwischen sich und ihrer Umwelt kennen; spätestens in der Antike erfolgte allerdings eine systematische Beschäftigung mit den Unterschieden zwischen Tier und Mensch, also mit den Charakteristika, die uns zum Menschen „machen“.

Das erste wichtige Konzept, welches in diesem Zusammenhang entwickelt wurde, ist das der Seele. Wenn man das Charakteristikum, welches Mensch und Tier unterscheidet, als Seele bezeichnet, so führt man die besonderen Eigenschaften eines Menschen auf irgendeine Art von Göttlichkeit zurück. Im christlichen Mythos ist es Gott, der dem Menschen die Seele gegeben hat, während die Griechen diese Besonderheit auf ihr Pantheon zurückführten; Hindus sind nicht der Überzeugung, dass nur Menschen eine Seele haben, Tiere jedoch nicht, und doch kennen sie die wichtigen Unterschiede zwischen beiden Arten natürlich.

Wenn man nun eine solche Idee entwickelt hat liegt es nahe, auch einen Begriff für die Eigenschaften zu schaffen, die wir mit den Tiere gemein haben. Nicht zu allen Zeiten und in allen Kulturen ist er identisch gewesen, doch herrscht schon lange eine Unterscheidung zwischen Körper und Seele vor, der sogenannte Dualismus, der die Natur des Menschen in diese beiden Ideen aufspaltet. Wir sind körperliche Wesen mit Bedürfnissen und Notwendigkeiten, die mit dem Körper in Verbindung stehen, wir haben aber auch bestimmte Eigenschaften, die nicht so streng mit unserer körperlichen Natur verbunden sind – die seelischen nämlich.

Der Dualismus zwischen Körper und Seele ist eine der Ideen, die für den Wellness-Gedanken heute extrem wichtig ist. Wellness bedeutet, neben der Befriedigung körperlicher Bedürfnisse auch für solche zu sorgen, die nicht rein körperlicher Natur sind, und für solche, die eventuell nichts mit dem Körper zu tun haben.

Jede Art von Arbeit, so kompliziert und naturfern sie eigentlich auch sein mag, dient im Grunde der Befriedigung körperlicher Bedürfnisse. Auch ein Industrieller, der an die Produkte seines Unternehmens selbst kaum Hand anlegt, arbeitet für die Erfüllung seiner körperliche Bedürfnisse, auch wenn die Berge von Papier, die er während eines Arbeitstages wälzt, vielleicht gar nichts mit diesen Bedürfnissen zu tun haben.

Und auch gesellschaftliche Konstrukte, die Sicherheit vermitteln, so wie Reichtum, Ansehen oder auch Kündigungsschutz und Versicherungen sind eigentlich sehr körperlicher Natur, da sie nicht nur der momentanen Erfüllung, sondern auch der zukünftigen Sicherung dieser Erfüllung körperlicher Bedürfnisse dienen.